„Quadratur der Kreise“ von Jot verbindet geometrische Konstruktion mit einer ungewöhnlichen Wahrnehmung: Schwarze Kreise auf schwarzem Kreidegrund lassen Quadrate entstehen, obwohl diese nicht als eigenständige Formen angelegt sind. Diese Einführung erschließt Aufbau, Entstehung und Bedeutung des Werkes.

Titel: Quadratur der Kreise
Künstler: Jot
Stil: Konkrete Kunst, Minimalismus
Technik: Kreide auf Papier, Mixed Media
Jahr: 02/2023
Format: 73 × 73 cm
Werknummer: Jot-HW-23-01
Werkzyklus: 1 – 7
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„Darf ich Sie etwas tiefer in das Bild einführen?“
Auf den ersten Blick sehen Sie vor allem eines:
Schwarz.
Eine quadratische Fläche von 73 × 73 cm. Je nach Licht und Betrachtungsstandpunkt treten darin Formen hervor – oder ziehen sich wieder zurück.
Gehen Sie etwas näher heran.
Jetzt werden Kreise sichtbar.
Und wenn Sie diese Kreise länger betrachten, geschieht etwas Merkwürdiges:
Sie beginnen, Quadrate zu sehen.
Was ist tatsächlich zu sehen?
Die Komposition besteht aus schwarzen Kreisen auf schwarzem Kreidegrund.
Die Kreise bilden dabei keine zufällige Anordnung. Sie folgen einer festgelegten geometrischen Ordnung. Größen und Positionen verändern sich nach einem mathematischen System.
Die Mittelpunkte der Kreise werden jeweils um den Radius nach innen verschoben. Durch diese Verschiebung und die aufeinander bezogene Anordnung der Kreisformen entsteht für das Auge eine weitere geometrische Form.
Das Quadrat.
Doch dieses Quadrat ist nicht einfach als Quadrat eingezeichnet.
Es entsteht in der Wahrnehmung des Betrachters.
Schwarz ist nicht gleich Schwarz
Für die Wirkung des Werkes ist nicht nur die Geometrie entscheidend.
Auch die Oberfläche spielt eine wesentliche Rolle.
Der schwarze Kreidegrund wurde intensiv bearbeitet und poliert. Ihm stehen tiefschwarze Kreisflächen gegenüber, die das einfallende Licht weitgehend absorbieren.
Dadurch reagieren die schwarzen Flächen unterschiedlich auf das Licht.
Je nachdem, wo Sie vor dem Werk stehen und aus welcher Richtung das Licht auf die Oberfläche fällt, treten Kreisstrukturen deutlicher hervor oder verschmelzen stärker mit dem Hintergrund.
Das Werk verändert sich nicht.
Aber Ihre Wahrnehmung verändert sich.
Wie ist das Bild entstanden?
Die reduzierte Erscheinung täuscht über den Arbeitsprozess hinweg.
„Quadratur der Kreise“ erforderte rund 190 Arbeitsstunden.
Die geometrische Ordnung musste entwickelt, übertragen und präzise umgesetzt werden. Gleichzeitig verlangte die schwarze Kreidefläche eine intensive Bearbeitung, bis die gewünschte Oberflächenwirkung erreicht war.
Gerade darin liegt ein interessanter Gegensatz:
Das fertige Werk erscheint minimal.
Der Weg zu dieser Reduktion war es nicht.
Der Titel
„Quadratur der Kreise“.
Der Titel erinnert bewusst an das historische mathematische Problem der Quadratur des Kreises: die Konstruktion eines Quadrats mit demselben Flächeninhalt wie ein vorgegebener Kreis allein mit Zirkel und Lineal.
Jot übernimmt dieses mathematische Problem jedoch nicht als Aufgabe, die im Bild gelöst werden soll.
Er macht daraus eine bildnerische Fragestellung.
Im Werk begegnen sich Kreis und Quadrat auf andere Weise: Die Kreise sind tatsächlich vorhanden. Die Quadrate entstehen aus ihrer Anordnung – und damit wesentlich in unserer Wahrnehmung.
Auch das quadratische Format von 73 × 73 cm nimmt diese Beziehung auf. Der Kreis steht damit nicht nur dem Quadrat gegenüber. Beide Formen greifen auf mehreren Ebenen ineinander.
Rückkehr zum Bild
Betrachten Sie „Quadratur der Kreise“ jetzt noch einmal aus etwas größerer Entfernung.
Was sehen Sie zuerst?
Die schwarze Fläche?
Die einzelnen Kreise?
Oder die Quadrate, die aus den Kreisen entstehen?
Gehen Sie anschließend ein paar Schritte zur Seite.
Durch den veränderten Lichteinfall und Betrachtungswinkel kann sich die Wahrnehmung erneut verschieben.
Genau hier wird der Betrachter Teil des Werkes.
Nicht weil er etwas am Bild verändert.
Sondern weil sich das, was er sieht, mit seinem Standort verändert.
Abschluss
„Quadratur der Kreise“ verbindet Kreis und Quadrat, mathematische Ordnung und optische Wahrnehmung, Oberfläche und Licht.
Die Komposition ist präzise konstruiert – und dennoch entsteht ein wesentlicher Teil des Bildes erst im Sehen.
So wird aus einer nahezu vollständig schwarzen Fläche ein Werk, das sich mit jedem genaueren Blick weiter öffnet.
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und gleichzeitig ihre Grenzen sichtbar macht.
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