„Die Wooge“ ist ein abstraktes Kunstwerk von Jot, das konkrete Kunst und Minimalismus mit einer inhaltlichen Dimension von Bewegung und Wahrnehmung verbindet. Diese Einführung führt Schritt für Schritt durch Aufbau, Wirkung und Bedeutung des Werkes.

Titel: Die Wooge
Künstler: Jot
Stil: Konkrete Kunst, Minimalismus
Technik: Kreide auf Papier, Mixed Media
Jahr: 05/2023
Format: 40,9 x40,1 cm
Werknummer: Jot-HW-23-02
Werkzyklus: 1 – 7
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„Die Wooge“ von Jot verbindet eine persönliche Erinnerung aus dem Jahr 1969 mit geometrischer Konstruktion und einem mathematischen Rätsel. Die Bedeutung des ungewöhnlichen Titels führt zunächst in die Vergangenheit – und anschließend zurück in das Bild zu einer Waage, zwölf Kugeln und der Frage, was sich mit nur drei Wägungen herausfinden lässt.
„Darf ich Sie etwas tiefer in das Bild einführen?“
Ich führe Sie jetzt in das Jahr 1969.
Wir befinden uns im Wartebereich eines kleinen Bahnhofs. Dort musste ich damals immer auf den Linienbus warten, der mich nach Hause brachte.
An einem Sommertag kam eine Mutter mit ihrem kleinen Bub an der Hand in diesen Wartebereich.
Der Bub sah sich um und entdeckte eine Personenwaage, in die man damals 10 Pfennig einwerfen musste.
Er sagte zu seiner Mutter:
„Schau mal Mama, eine Wooge.“
„Nein, das ist keine Wooge, das ist eine Waage“, korrigierte ihn seine Mutter.
„Mama, waage mich einmal, bitte.“
„Das heißt nicht waage mich, sondern wiege mich“, verbesserte sie ihn erneut.
Sie holte 10 Pfennig aus ihrem Portemonnaie und half ihm beim Wiegen.
Danach wollte der Bub natürlich das Ergebnis wissen:
„Und Mama, was habe ich gewiegt?“
„Das heißt nicht gewiegt, sondern gewoogen!“, kam es nun schon etwas energischer von seiner Mutter.
Der Bub schaute sie an und antwortete:
„Ach Mama, ich wusste doch gleich, dass es eine Wooge ist.“
Und dabei strahlte er seine Mutter an.
Damit kennen Sie jetzt die Geschichte hinter dem Titel meines Bildes:
„Die Wooge“.
Jetzt kehren wir zum Bild zurück
Betrachten wir den großen Kreis mit seinen beiden ausgeschnittenen Kreisformen.
Könnte das nicht eine Waage mit zwei Waagschalen sein?
In der einen Waagschale liegen zwei Kugeln, in der anderen eine Kugel.
Schauen wir weiter in das Bild, finden wir insgesamt zwölf Kugeln.
Und damit verbirgt sich ein Rätsel in „Die Wooge“.
Das Rätsel der zwölf Kugeln
Elf Kugeln besitzen exakt dasselbe Gewicht.
Die zwölfte Kugel weicht davon ab. Sie ist entweder ein kleines bisschen schwerer oder ein kleines bisschen leichter.
Man kann den Unterschied nicht sehen.
Man kann ihn auch nicht fühlen.
Zur Verfügung steht nur die Waage im Bild.
Und Sie dürfen dreimal wiegen.
Nach diesen drei Wägungen müssen Sie eindeutig feststellen können, welche der zwölf Kugeln das abweichende Gewicht besitzt und ob sie schwerer oder leichter ist.
Können Sie das Rätsel lösen?
An dieser Stelle darf das Bild ruhig für einen Moment zum Denkraum werden.
Und wie ist „Die Wooge“ konstruiert?
Nach Erinnerung und Rätsel führt eine weitere Ebene in den technischen Aufbau des Werkes.
Die Formen, Abstände und Größen sind nicht beliebig gesetzt. Für Längen und Radien verwendet Jot Primzahlen als konstruktives Ordnungsprinzip.
Damit entsteht hinter der sichtbaren Komposition ein mathematisches System.
Auch die Materialität gehört zur Konstruktion. Einzelne Formen wurden aus Papier ausgeschnitten und erneut aufgesetzt. Dadurch entsteht eine zusätzliche Ebene über der eigentlichen Bildfläche.
Je nach Lichteinfall werfen diese Elemente leichte Schatten. Die geometrische Konstruktion erhält dadurch eine reale räumliche Tiefe.
Noch einmal zurück zum Bild
Was sehen Sie jetzt?
Vielleicht nicht mehr nur Kreise und geometrische Formen.
Der große Kreis kann zur Waage werden.
Die zwölf Kreisformen werden zu den zwölf Kugeln eines Logikrätsels.
Und der ungewöhnliche Titel „Die Wooge“ führt zurück zu einem kleinen Bahnhof und zu einem Dialog aus dem Jahr 1969.
So verbindet das Werk unterschiedliche Ebenen miteinander:
Erinnerung, Sprache, Geometrie, Mathematik, Logik und Konstruktion.
„Die Wooge“ erschließt sich deshalb nicht allein durch das, was auf der Bildfläche sichtbar ist. Das Narrativ verändert den Blick auf die geometrischen Formen – und die geometrischen Formen führen wieder zurück zum Narrativ.
Die Geometrie schafft die Ordnung. Das Narrativ öffnet das Bild.
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