Judas kommt gleich – Einführung in das Werk

„Judas kommt gleich …“ von Jot zeigt einen Moment unmittelbar vor dem Abendmahl. Elf Jünger sind bereits anwesend, ein Platz bleibt frei und Jesus richtet seinen Blick auf diese Leerstelle. Die Bedeutung des Werkes erschließt sich über seinen Titel – und über das, was im Bild noch nicht geschehen ist.

Judas kommt gleich von Jot – Kunstwerk mit Jesus, elf Jüngern und einem freien Platz für Judas

Titel: „Judas kommt gleich …“
Künstler: Jot
Stil: Konkrete Kunst, Minimalismus
Technik: Öl auf Leinwand, Mixed Media
Jahr: 02/2024
Format: 45 × 63 cm
Werknummer: Jot-HW-24-01
Werkzyklus: 1 – 7

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„Darf ich Sie etwas tiefer in das Bild einführen?“

Dieses Bild erschließt sich über seinen Titel:

„Judas kommt gleich …“

Wenn das die Antwort ist – wie könnte dann die Frage lauten?

„Wo bleibt Judas?“

Damit befinden wir uns in einer biblischen Szene.

Nun können wir beginnen, das Bild genauer zu betrachten.

Wer ist bereits da?

Schauen wir zunächst auf die kleinen Kreise.

Zählen wir sie, kommen wir auf elf.

Elf Jünger sind bereits anwesend.

Doch rechts bleibt ein Platz frei.

Eine Person fehlt.

Judas befindet sich noch außerhalb des dargestellten Raumes. Sein Platz ist vorbereitet, aber noch nicht besetzt.

Die Leerstelle ist deshalb kein zufällig freigelassener Bereich der Komposition. Sie gehört zur Handlung des Bildes.

Wo ist Jesus?

Nun richten wir unseren Blick auf das Zentrum des Werkes.

Hier befindet sich Jesus.

Seine Darstellung ist aus drei übereinanderliegenden Kreisebenen aufgebaut. Jeder Kreis besteht aus ausgeschnittener Leinwand, wird etwas kleiner und liegt leicht versetzt auf dem darunterliegenden Kreis.

Diese Verschiebung führt bereits in Richtung des noch freien Platzes für Judas.

Auch die drei Farben besitzen eine Bedeutung.

Der unterste Kreis ist gelb. Er symbolisiert den Leib Christi.

Darüber liegt ein kleinerer roter Kreis. Er steht für das Blut Christi.

Den Abschluss bildet ein nochmals kleinerer blauer Kreis. Blau steht für die Verbindung zwischen Christus, seinen Jüngern und dem Himmlischen.

Jesus wird damit nicht durch eine einzelne Form dargestellt. Drei übereinanderliegende Ebenen verbinden Leib, Blut und eine darüber hinausführende himmlische Dimension.

Wohin blickt Jesus?

Von Jesus ausgehend finden wir elf blaue Kreise.

Sie stehen für die elf Jünger, die bereits anwesend sind.

Diese Kreise werden in Richtung des freien Platzes zunehmend kleiner. Dadurch entsteht innerhalb der geometrischen Komposition eine eindeutige Blickrichtung.

Der Blick Jesu führt zum leeren Platz.

Genau dorthin, wo Judas fehlt.

Damit erhält die zuvor gestellte Frage

„Wo bleibt Judas?“

eine sichtbare Richtung innerhalb des Bildes.

Jesus blickt auf die Leerstelle.

Die elf blauen Kreise erfüllen dadurch zwei Funktionen gleichzeitig: Sie verweisen auf die elf bereits anwesenden Jünger und bilden durch ihre Größenabfolge die Blickrichtung Jesu auf den fehlenden zwölften.

Die Leerstelle wird so nicht nur durch den Titel bedeutungsvoll. Die gesamte Konstruktion richtet den Blick auf sie.

Judas ist nicht da.

Und dennoch ist seine Abwesenheit bereits im Blick Jesu präsent.

Das schiefe Viereck und der Gabentisch

Betrachten wir nun die äußere geometrische Ordnung.

Jesus und die Jünger werden von einem schiefen Viereck umschlossen – einer Form, die in den Arbeiten von Jot immer wieder erscheint.

Doch eine Seite dieses Vierecks befindet sich nicht dort, wo man sie geometrisch zunächst erwarten würde.

Die obere Seitenlinie wurde bewusst nach unten in das Bild versetzt. Sie liegt zwischen Jesus und den Jüngern.

Dadurch erhält diese Linie eine neue Funktion:

Sie wird zum Gabentisch.

An diesem Tisch wird Jesus, sobald Judas eingetroffen ist und das Abendmahl beginnt, das Brot brechen und den Wein mit seinen Jüngern teilen.

Die Verschiebung der Linie besitzt jedoch noch eine zweite Bedeutung.

Indem die obere Begrenzung des schiefen Vierecks nach unten versetzt wird, bleibt Jesus nicht vollständig innerhalb der geometrischen Umschließung.

Für Jot verweist diese Öffnung darauf, dass Jesus zu diesem Zeitpunkt bereits eine Verbindung zum Himmlischen besitzt.

Damit wird eine Veränderung der geometrischen Konstruktion zugleich zu einem Bestandteil des Narrativs.

Warum ist das Bild gelb?

Auch die Farbigkeit des Werkes folgt einer bewussten Entscheidung.

Das Bild wird von zwei Gelbtönen bestimmt.

Die Jünger und das schiefe Viereck erscheinen in einem dunkleren Gelb. Der gesamte Hintergrund dagegen ist in ein intensives, grelles Gelb gesetzt.

Nur Jesus hebt sich durch Rot und Blau deutlich von dieser gelben Bildwelt ab.

Diese Farbentscheidung besitzt eine historische Bedeutungsebene.

In mittelalterlichen Farbzuordnungen wurde Gelb unter anderem mit Verrat verbunden. Jot greift diese überlieferte Symbolik auf und überträgt sie auf den Bildraum.

Der Verrat wird damit nicht als Handlung dargestellt.

Er liegt bereits als Farbe über der gesamten Situation.

Noch bevor Judas im Bild erscheint, ist das, was er tun wird, im Hintergrund gegenwärtig.

Auch die Farben werden damit zu Trägern des Narrativs.

Die Konstruktion erzählt die Geschichte

Nun lassen sich die einzelnen Elemente zusammenführen.

Elf Jünger sind bereits anwesend.

Ein Platz bleibt frei – Judas fehlt.

Elf sich verkleinernde blaue Kreise führen den Blick Jesu genau zu dieser Leerstelle.

Drei übereinanderliegende Kreise bilden Jesus und verbinden Leib, Blut und das Himmlische.

Das schiefe Viereck umfasst die Situation.

Seine versetzte obere Seite wird zum Gabentisch und öffnet zugleich die geometrische Umschließung Jesu zum Himmlischen.

Das grelle Gelb des Hintergrundes trägt die historische Symbolik des Verrats bereits in den Bildraum.

Damit wird die biblische Geschichte nicht illustrativ dargestellt.

Sie ist in Anzahl, Position, Farbe, Schichtung und Geometrie des Werkes konstruiert.

Jetzt können wir eine weitere Frage stellen.

An welchem Punkt der Geschichte befinden wir uns?

Elf Jünger sind bereits da.

Jesus ist anwesend.

Der Platz für Judas ist noch frei.

Der Gabentisch ist vorbereitet.

Das Abendmahl hat also noch nicht begonnen.

Warum fehlt Judas?

Weil etwas Entscheidendes noch bevorsteht.

Judas muss zunächst den Verrat an Jesus vollziehen.

Damit zeigt das Werk weder den Verrat selbst noch das Abendmahl.

Es zeigt den Moment unmittelbar davor.

Der Betrachter kennt die Geschichte. Er weiß, was geschehen wird.

Doch innerhalb des Bildes ist es noch nicht geschehen.

Genau in diesem Spannungsfeld hält „Judas kommt gleich …“ den Augenblick fest.

Noch einmal zurück zum Bild

Was sehen Sie jetzt?

Vielleicht nicht mehr nur Kreise, Farben und geometrische Ordnung.

Die elf kleinen Kreise werden zu den Jüngern.

Die drei übereinanderliegenden Kreise werden zu Jesus.

Die blauen Kreise geben seinem Blick eine Richtung.

Die versetzte Linie wird zum Gabentisch.

Das Gelb kündigt den Verrat an.

Und der freie Platz bekommt einen Namen:

Judas.

Das Bild selbst hat sich während dieser Einführung nicht verändert.

Aber Ihre Wahrnehmung hat sich verändert.

Und wenn wir diesen Zeitpunkt verlassen?

An dieser Stelle endet die eigentliche Einführung in das Werk.

Doch für Jot öffnet sich noch eine weitere Ebene – eine Ebene, die bewusst ohne Antwort bleibt.

Judas ist noch nicht eingetreten.

Der Verrat liegt noch vor ihm.

Für einen kurzen Moment können wir deshalb die bekannte Geschichte verlassen und eine Frage stellen:

Was wäre geschehen, wenn Judas den Verrat nicht begonnen hätte – und wäre unsere Welt heute eine bessere?

Das Werk gibt darauf keine Antwort.

Diese Frage ist auch keine Voraussetzung, um „Judas kommt gleich …“ zu verstehen. Sie eröffnet lediglich die Möglichkeit, über den dargestellten Augenblick hinauszudenken.

Vielleicht muss man diese Tür nicht jedes Mal öffnen.

Aber sie ist da.

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